29. Mai 1453 – Eroberung von Konstantinopel

Am 29. Mai jĂ€hrt sich der Tag, an dem Konstantinopel (heute Istanbul) von den Osmanen unter Sultan Mehmed II. erobert wurde. “Zwei Monate dauert die Belagerung. Denn obwohl die Stadt auf sich gestellt ist – nur ein kleines Heer aus Genua ist zur Hilfe gekommen – kann sich Konstantinopel dank seiner riesigen Befestigungsanlagen lange verteidigen. “
Der Angreifer, Sultan Mehmet II., lĂ€sst sogar Schiffe ĂŒber Land in das Goldene Horn schleppen, um die Schiffsblockade der Verteidiger auf dem Bosporus zu brechen. Schließlich entscheidet moderne Waffentechnik: Riesige Kanonen schießen die Mauer sturmreif. Am 29. Mai 1453 stĂŒrmen die tĂŒrkischen Truppen in die Hauptstadt des byzantinischen Reiches. Dessen letzter Kaiser, Konstantin XI., stirbt bei den erbitterten StraßenkĂ€mpfen. Drei Tage lang gibt Mehmet die Stadt zur PlĂŒnderung frei. Dann lĂ€sst er ihre grĂ¶ĂŸte Kirche, die Hagia Sophia, als Moschee fĂŒr das Freitagsgebet herrichten. Die Umgestaltung Konstantinopels zu Istanbul beginnt.
 
Der Fall Konstantinopels gilt als endgĂŒltiges Ende des Byzantinischen Reichs. Konstantinopel wird als Istanbul neue Hauptstadt des Osmanischen Reiches, die Hagia Sophia zur Moschee.
Oriana Fallaci beschreibt den Fall Konstantinopels in “Die Kraft der Vernunft”, online bei Fakten und Fiktionen:
Kennst du die Schilderung des Falls von Konstantinopel, die uns der Schreiber Phrantzes hinterlassen hat? Vielleicht nicht. In einem Europa, das nur um Muslime weint, nie um Christen oder Juden oder Buddhisten oder Hinduisten, wĂ€re es nicht politically correct, etwas ĂŒber die Einzelheiten des Falls von Konstantinopel zu wissen.
 

 Die Bewohner, die sich bei Einbruch der Nacht, wĂ€hrend Mohammed II. die von Theodosius errichteten Mauern mit Kanonen beschießt, in die Kathedrale Hagia Sophia flĂŒchten und dort anfangen, Psalmen zu singen, um Gottes Barmherzigkeit zu erflehen. Der Patriarch, der im Kerzen-schein die letzte Messe liest und den Ängstlichsten als Ermutigung zuruft: »FĂŒrchtet euch nicht! Morgen werdet ihr im Himmelreich sein, und eure Namen werden bis ans Ende aller Zeiten ĂŒberdauern!« Die weinenden Kinder, die MĂŒtter, die schluchzen: »Still, mein Kind, still! Wir sterben fĂŒr unseren Glauben in Jesus Christus! Wir sterben fĂŒr unseren Kaiser Konstantin XI., fĂŒr unser Vaterland!«
 
Die osmanischen Truppen, die trommelschlagend durch die Breschen in den einstĂŒrzenden Mauern eindringen, die genuesischen, venezianischen und spanischen Verteidiger ĂŒberrennen, sie samt und sonders mit SĂ€belhieben niedermetzeln, dann in die Kathedrale stĂŒrmen und sogar die SĂ€uglinge köpfen. Die Köpfchen nehmen sie zum Kerzenlöschen 
 Es dauerte vom Morgengrauen bis zum Nachmittag, das Blutbad. Es verebbte erst in dem Augenblick, in dem der Großwesir auf die Kanzel der Hagia Sophia stieg und zu den SchlĂ€chtern sagte: »Ruht euch aus. Dieser Tempel gehört jetzt Allah.«
 
Unterdessen brannte die Stadt. Die Soldateska kreuzigte und pfĂ€hlte. Die Janitscharen vergewaltigten die Nonnen und schnitten ihnen dann die Kehle durch (viertausend in wenigen Stunden) oder ketteten die Überlebenden aneinander, um sie auf dem Markt in Ankara zu verkaufen. Und die Höflinge rĂŒsteten zum Siegesbankett.
 
Den mit ihren MĂŒttern in der Hagia Sophia versteckten Babies wurden die Köpfe abgeschlagen und damit die Kerzen gelöscht.
 
In Deutschland tragen Moscheen viele Eroberernamen. Die Fertigstellungen dieser BegnungsstÀtten des interkulturellen Dialogs werden allgemein beklatscht. Widerstand gilt als Rassismus.
Hör zu: Im Jahr 1356, das heißt vierundachtzig Jahre nach dem Achten Kreuzzug, schnappten sich die TĂŒrken Gallipoli, also die Halbinsel, die sich hundert Kilometer entlang des Westufers der Dardanellen erstreckt. Von dort brachen sie zur Eroberung SĂŒdosteuropas auf und marschierten in Windeseile in Thrakien, Mazedonien und Albanien ein. Sie unterwarfen Großserbien und legten mit einer weiteren, fĂŒnfjĂ€hrigen Belagerung Konstantinopel lahm, das nunmehr gĂ€nzlich vom ĂŒbrigen Europa abgeschnitten war.
 
1396 hielten sie inne, das ist wahr, um gegen die (ihrerseits islamisierten) Mongolen Front zu machen, aber 1430 nahmen sie den Marsch wieder auf und besetzten das venezianische Saloniki. 1444 ĂŒberrannten sie die Christen bei Varna und sicherten sich so den Besitz der Walachei, Moldawiens und Transsilvaniens, kurz, des gesamten Gebiets, das heute Bulgarien und RumĂ€nien heißt, und 1453 belagerten sie erneut Konstantinopel, das am 29. Mai Mohammed II. in die HĂ€nde fiel. Einem blutrĂŒnstigen Unmenschen, der kraft des islamischen Brudermord-Gesetzes (dieses Gesetz ermĂ€chtigte einen Sultan, aus dynastischen GrĂŒnden seine nĂ€chsten Angehörigen zu ermorden) den Thron bestiegen hatte, indem er sein dreijĂ€hriges BrĂŒderchen erdrosselte.
 
Und apropos: Kennst du die Schilderung des Falls von Konstantinopel, die uns der Schreiber Phrantzes hinterlassen hat? Vielleicht nicht. In einem Europa, das nur um Muslime weint, nie um Christen oder Juden oder Buddhisten oder Hinduisten, wĂ€re es nicht politically correct, etwas ĂŒber die Einzelheiten des Falls von Konstantinopel zu wissen
 
Schedelsche Weltchronik
 
… Die Bewohner, die sich bei Einbruch der Nacht, wĂ€hrend Mohammed II. die von Theodosius errichteten Mauern mit Kanonen beschießt, in die Kathedrale Hagia Sophia flĂŒchten und dort anfangen, Psalmen zu singen, um Gottes Barmherzigkeit zu erflehen. Der Patriarch, der im Kerzen-schein die letzte Messe liest und den Ängstlichsten als Ermutigung zuruft: »FĂŒrchtet euch nicht! Morgen werdet ihr im Himmelreich sein, und eure Namen werden bis ans Ende aller Zeiten ĂŒberdauern!« Die weinenden Kinder, die MĂŒtter, die schluchzen: »Still, mein Kind, still! Wir sterben fĂŒr unseren Glauben in Jesus Christus! Wir sterben fĂŒr unseren Kaiser Konstantin XI., fĂŒr unser Vaterland!«
 
Die osmanischen Truppen, die trommelschlagend durch die Breschen in den einstĂŒrzenden Mauern eindringen, die genuesischen, venezianischen und spanischen Verteidiger ĂŒberrennen, sie samt und sonders mit SĂ€belhieben niedermetzeln, dann in die Kathedrale stĂŒrmen und sogar die SĂ€uglinge köpfen. Die Köpfchen nehmen sie zum Kerzenlöschen … Es dauerte vom Morgengrauen bis zum Nachmittag, das Blutbad. Es verebbte erst in dem Augenblick, in dem der Großwesir auf die Kanzel der Hagia Sophia stieg und zu den SchlĂ€chtern sagte: »Ruht euch aus. Dieser Tempel gehört jetzt Allah.«
 
Unterdessen brannte die Stadt. Die Soldateska kreuzigte und pfĂ€hlte. Die Janitscharen vergewaltigten die Nonnen und schnitten ihnen dann die Kehle durch (viertausend in wenigen Stunden) oder ketteten die Überlebenden aneinander, um sie auf dem Markt in Ankara zu verkaufen. Und die Höflinge rĂŒsteten zum Siegesbankett.
 
Konstantinopel 1453
 
Zu jenem Bankett, bei dem sich Mohammed II. (dem Propheten zum Trotz) mit zypriotischem Wein betrank, und da er eine SchwĂ€che fĂŒr junge Knaben hatte, ließ er sich den Erstgeborenen des griechisch-orthodoxen Großherzogs Notaras bringen. Einen fĂŒr seine Schönheit bekannten VierzehnjĂ€hrigen. Vor allen vergewaltigte er ihn, und nachdem er ihn vergewaltigt hatte, ließ er die anderen Notaras herbeiholen. Die Eltern, die Großeltern, die Onkel, die Cousins des Jungen. Vor seinen Augen enthauptete er sie. Einen nach dem anderen. Er ließ auch alle AltĂ€re zerstören, alle Glocken einschmelzen, alle Kirchen in Moscheen oder Basare verwandeln. Oh ja. So wurde Konstantinopel zu Istanbul…
 
Drei Jahre spĂ€ter, das heißt 1456, eroberten sie Athen, und auch dort verwandelte Mohammed II sĂ€mtliche Kirchen und antiken Bauten in Moscheen. Mit der Eroberung Athens vollendeten sie die Unterwerfung Griechenlands, das sie gut vierhundert Jahre lang besitzen, genauer gesagt ruinieren sollten, dann griffen sie die Republik Venedig an, die sie 1476 sogar im Friaul und dann im Isonzo-Tal vorfand.
 
Und was im folgenden Jahrhundert passierte, ist nicht weniger grauenhaft. Denn 1512 kam Selim der Strenge auf den Thron des Osmanischen Reiches. Er bestieg ihn ebenfalls kraft des Brudermord-Gesetzes, indem er zwei BrĂŒder samt fĂŒnf Neffen, mehrere Kalifen sowie eine unbestimmte Zahl Wesire erdrosselte, und von diesem Subjekt stammte der ab, der den Islamischen Staat Europa grĂŒnden wollte: Suleiman der PrĂ€chtige.
 
Gleich nach der Krönung stellte der PrĂ€chtige nĂ€mlich eine Armee von beinahe vierhunderttausend Mann auf, dazu dreißigtausend Kamele plus vierzigtausend Pferde und dreihundert Kanonen. Aus dem inzwischen islamisierten RumĂ€nien zog er in das katholische Ungarn und zerschlug dessen Heer trotz des heroischen Widerstands der Verteidiger in weniger als achtundvierzig Stunden. Dann erreichte er Buda, heute Budapest. Er ĂŒbergab es den Flammen, besetzte es, und rate nun, wie viele Ungarn (MĂ€nner, Frauen und Kinder) sofort auf den Sklavenmarkt kamen, der inzwischen typisch fĂŒr Istanbul geworden war? Hunderttausend. Rate, wie viele im folgenden Jahr auf den MĂ€rkten landeten, die mit dem Istanbuler im Wettbewerb lagen, also auf den Basaren von Damaskus, Bagdad, Kairo und Algier? Drei Millionen.
 
Doch auch damit gab er sich nicht zufrieden. Denn um den Islamischen Staat Europa zu realisieren, stattete er eine zweite Armee mit weiteren vierhundert Kanonen aus, und 1529 zog er von Ungarn nach Österreich. Ins erzkatholische Österreich, das damals als Bollwerk der Christenheit angesehen wurde. Es gelang ihm nicht, es zu erobern, einverstanden. Nach fĂŒnf Wochen voller vergeblicher Angriffe beschloss er, sich lieber zurĂŒckzuziehen. Doch auf dem RĂŒckzug massakrierte er dreißigtausend Bauern – es hĂ€tte sich nicht mehr gelohnt, sie spĂ€ter in Istanbul oder Damaskus oder Bagdad oder Kairo oder Algier zu verkaufen, der Preis fĂŒr Sklaven war wegen jener drei Millionen und einhunderttausend Ungarn stark gesunken; und gleich nach seiner RĂŒckkehr betraute er den berĂŒchtigten SeerĂ€uber Khayr al-Din, genannt Rotbart, mit der Reform der Flotte.
 
Diese Reform ermöglichte es, das Mittelmeer in ein LehensgewĂ€sser des Islam zu verwandeln, und nachdem er eine Palastverschwörung niedergeschlagen hatte – er ließ seinen ersten und seinen zweiten Sohn und deren sechs Kinder, also seine Enkel, erdrosseln -, stĂŒrzte er sich 1565 auf die christliche Hochburg Malta. Als er 1566 an einem Herzinfarkt starb, Ă€nderte sich nichts.
 
Es Ànderte sich nichts, weil sein dritter Sohn auf den Thron kam. Dieser war nicht unter dem Beinamen der PrÀchtige bekannt, sondern als der SÀufer.
 
Und es geschah unter Selim dem SĂ€ufer, dass General Lala Mustafa 1571 das allerchristlichste Zypern eroberte. Hierbei kam es zu einer der unglaublichsten Schandtaten, mit denen sich die so genannte Überlegene Kultur je besudelt hat. Zum Martyrium des venezianischen Patriziers Marcantonio Bragadino, Gouverneur der Insel.
 
Wie der Historiker Paul Fregosi uns in seinem außergewöhnlichen Buch »Dschihad« berichtet, begab sich Bragadino, nachdem er die Kapitulation unterzeichnet hatte, zu Lala Mustafa, um ĂŒber die Bedingungen des kĂŒnftigen Friedens zu verhandeln. Und da er ein Mann der Etikette war, kam er mit großem GeprĂ€nge. Das heißt auf einem prĂ€chtig aufgezĂ€umten Schlachtross, gekleidet in die violette Toga des Senats, sowie eskortiert von vierzig Arkebusieren in Galauniform und dem bildschönen Pagen Antonio Quirini (dem Sohn des Admirals Quirini), der ihm einen kostbaren Sonnenschirm ĂŒbers Haupt hielt.
Doch von Frieden konnte wahrhaftig keine Rede sein. Denn entsprechend dem schon vorgefassten Plan ergriffen die Janitscharen sofort den Pagen Antonio, um ihn in Lala Mustafas Serail zu sperren, da dieser noch lieber als Mohammed II. junge Knaben deflorierte, dann kreisten sie die vierzig Arkebusiere ein und hackten sie mit SĂ€belhieben in StĂŒcke. BuchstĂ€blich in StĂŒcke. Zuletzt warfen sie Bragadino aus dem Sattel, schnitten ihm stehenden Fußes die Nase und dann die Ohren ab und zwangen ihn, so verstĂŒmmelt, vor dem Sieger niederzuknien, der ihn dazu verurteilte, bei lebendigem Leib gehĂ€utet zu werden.
Die Vollstreckung fand dreizehn Tage spĂ€ter statt, im Beisein aller Zyprioten, die genötigt wurden zuzusehen. WĂ€hrend die Janitscharen ihn wegen seines Gesichts ohne Nase und ohne Ohren verhöhnten, musste Bragadino mehrmals durch die ganze Stadt laufen und dabei AbfallsĂ€cke schleppen sowie jedes Mal, wenn er an Lala Mustafa vorbeikam, den Boden lecken. Er starb, wĂ€hrend ihm die Haut abgezogen wurde. Und aus seiner Kopfhaut, die mit Stroh ausgestopft wurde, ließ Lala Mustafa eine Puppe anfertigen, die – auf einer Kuh reitend – noch einmal rund um die Stadt gefĂŒhrt und dann an der höchsten Fahnenstange des Admiralsschiffs hochgezogen wurde. Zum Ruhme des Islam.
 
Übrigens half es auch nichts, dass die wĂŒtenden Venezianer, verbĂŒndet mit Spanien, dem Papst, Genua, Florenz, Turin, Parma, Mantua, Lucca, Ferrara, Urbino und Malta, am 7. Oktober desselben Jahres die Flotte von Ali Pascha in der Seeschlacht von Lepanto besiegten. Das Osmanische Reich stand mittlerweile im Zenit seiner Macht, und mit den nachfolgenden Sultanen ging der Angriff auf den europĂ€ischen Kontinent ungestört weiter. Bis nach Polen drang es vor, wo seine Horden gleich zweimal einfielen: 1621 und 1672.
 
TĂŒrken vor Wien
 
Sein Traum, den Islamischen Staat von Europa zu errichten, sollte erst 1683 zunichte werden, als der Großwesir Kara Mustafa eine halbe Million Soldaten aufstellte, dazu tausend Kanonen, vierzigtausend Pferde, zwanzigtausend Kamele, zwanzigtausend Elefanten, zwanzigtausend BĂŒffel, zwanzigtausend Maultiere, zwanzigtausend KĂŒhe und Stiere, zehntausend Schafe und Ziegen sowie hunderttausend Sack Mais, fĂŒnfzigtausend Sack Kaffee, etwa hundert Gemahlinnen und Konkubinen, und begleitet von diesem ganzen Tross erneut in Österreich einmarschierte.
 
Er errichtete ein riesiges Feldlager (fĂŒnfundzwanzigtausend Zelte plus sein eigenes, geziert mit Straußen und Brunnen) und belagerte Wien erneut. Die Sache ist die, dass die EuropĂ€er damals klĂŒger waren als heute und außer den Franzosen des Sonnenkönigs (der einen BĂŒndnispakt mit dem Feind unterzeichnet, den Österreichern aber versprochen hatte, nicht anzugreifen) alle herbeieilten, um die Stadt zu verteidigen, die als Bollwerk der Christenheit galt. Alle. EnglĂ€nder, Spanier, Deutsche, Ukrainer, Polen, Genueser, Venezianer, Toskaner, Piemonteser, Papsttreue. Am 12. September errangen sie den außerordentlichen Sieg, der Kara Mustafa zwang zu fliehen und alles zurĂŒckzulassen, die Kamele, die Elefanten, die Gattinnen, die abgestochenen Konkubinen und … (Quelle: Oriana Fallaci – Die Kraft der Vernunft)
800 Jahre lang stand Spanien unter islamischer Herrschaft. Die maurische Epoche gilt als das goldene Zeitalter der kulturellen BlĂŒte und der religiösen Toleranz unter Muslimen, Christen und Juden. Der Mythos von al-Andalus – zu schön, um wahr zu sein. 

Von Eugen Sorg

 
Jede Zeit, jede Kultur, ja jede soziale Gruppe schafft sich Mythen, in denen sie sich ihrer selbst vergewissert. Herkunftslegenden, Seinsparabeln, kleiner Aberglauben und grosse Vorsehung laden die kalte ZufĂ€lligkeit der Existenz mit Sinn auf, ordnen das Weltchaos in Gut und Böse und verwandeln Menschenhaufen in Gemeinschaften mit Seele und Tradition. Mythen sind wie magische Spiegel, die dem Betrachter jenes Bild zurĂŒckwerfen, das er von sich und seinesgleichen haben möchte.
 
Einer der Lieblingsmythen der gebildeten StĂ€nde des Westens ist derjenige vom Glanz und Niedergang des maurischen Spanien. Die fast achthundert Jahre dauernde Epoche von al-Andalus, wie die Halbinsel von ihren arabischen Bewohnern genannt wurde, gilt als goldenes Zeitalter der Wissenschaften und der KĂŒnste und der christlich-jĂŒdisch-islamischen Harmonie – unter dem Schutz eines toleranten, milden, von Vernunft durchwalteten Islam. «FĂŒr einen kurzen historischen Moment», schwĂ€rmt etwa der Herausgeber von «Das Wunder von al-Andalus», einer jĂŒngst publizierten Sammlung arabischer und hebrĂ€ischer Gedichte aus dem maurischen Spanien, «wurde der Traum von einem friedlichen Miteinander Wirklichkeit.» Ein Traum, der 1492 mit dem Abschluss der inquisitorisch-katholischen Reconquista Granadas und der Vertreibung der Muslime und Juden aus Spanien wieder ausgelöscht worden sei.
 
Die Erfindung des muslimischen Spanien als Ort ĂŒberlegenen Menschtums findet vor 250 Jahren in der AufklĂ€rung statt und wird bis heute in unzĂ€hligen Versionen erneuert. Immer bedienen diese die Interessen der jeweiligen Zeit. Der sklerotisch erstarrten katholischen Kirche wird von den französischen AufklĂ€rern eine idealisierte, gleichsam deistisch gelĂ€uterte islamische Gegenwelt ohne Papst, Dogma oder Scheiterhaufen vorgehalten. Wie der Rousseausche edle Wilde wird auch die Figur des edlen Muslim oder Orientalen von Pierre Bayle, Montesquieu, Voltaire und anderen zum zivilisa-tionskritischen «Tugendmodell und BeschĂ€mungsinstrument» (Siegfried Kohlhammer) ausgeformt. In Herders pĂ€dagogisierender Menschheitsutopie schliesslich erscheinen die Hispano-Araber als «Lehrer Europas», die mit dem «orientalischen Genius», mit dem «hellen Licht» ihrer Kultur die abendlĂ€ndische «Dunkelheit» beendet hĂ€tten.
 
Die Romantik wiederum mit ihrer Sehnsucht nach Vergangenem und Verwunschenem findet in den maurischen Überlieferungen und Legenden ein ideales Dekor fĂŒr Geschichten von Ritterlichkeit, Ehre und selbstloser Liebe. Chateaubriand («Le dernier AbencĂ©rage», 1826) und Washington Irving («Tales of the Alhambra», 1832) lösen mit ihren BĂŒchern einen «Granada- und Alhambra-Kult» aus, in dessen Folge ein nicht mehr abbrechender Kulturtourismus mit entsprechenden Reiseberichten entsteht. Noch 1912 lĂ€sst sich zum Beispiel Rainer Maria Rilke in einem Brief aus Spanien vernehmen: Â«Ăœbrigens mĂŒssen Sie wissen, ich bin seit CĂłrdoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin, wie der Wind in der Orgel.»
 
PalÀste, GÀrten und Gewalt
 
Der Orientalist Bernard Lewis hat bemerkt, dass der «Mythos spanisch-islamischer Toleranz besonders von jĂŒdischen Gelehrten gefördert wurde, denen er als Stock diente, um ihre christlichen Nachbarn zu schlagen». Einer der HauptgrĂŒnde dafĂŒr war die lang anhaltende Weigerung des christlichen Europa, die Emanzipation der Juden anzuerkennen. JĂŒdische Intellektuelle fĂŒhrten dagegen den historischen Musterfall von al-Andalus ins Feld, «jene schöne und unĂŒbertroffene Zivilisation», wie der englische Staatsmann und Schriftsteller Disraeli mit mahnendem Unterton lobpries («Coningsby», 1844), in der «die Kinder Ismaels (die Araber) die Kinder Israels mit gleichen Rechten und Privilegien belohnten. WĂ€hrend dieser seligen Jahrhunderte fĂ€llt es schwer, die Gefolgsleute Mose von den AnhĂ€ngern Mohammeds zu unterscheiden. Beide erbauten sie PalĂ€ste, GĂ€rten und Brunnen, versahen gleichberechtigt die höchsten StaatsĂ€mter, konkurrierten in einem in die Ferne reichenden und aufgeklĂ€rten Handel und wetteiferten miteinander an berĂŒhmten UniversitĂ€ten.»
 
Und in den letzten Jahren schwingt bei der ErwĂ€hnung von al-Andalus ein beschwörender Klang mit. Die pazifistischen Eliten Europas sind verschreckt, verwirrt und beleidigt durch nicht enden wollende Gewalt und Krieg im Nahen Osten und durch das Vordringen islamischen Terrors in die eigenen StĂ€dte. «Nur Öffnung, nur Kontakt ist fruchtbar», ruft der erwĂ€hnte Herausgeber der Gedichtsammlung einer imaginĂ€ren Öffentlichkeit unter Verweis auf das mĂ€rchenhafte Maurenreich zu, «Abkapselung und Kampf sind tödlich. Die Symbiose von arabischer und hebrĂ€ischer Sprachkultur, von muslimischem und jĂŒdischem Geist bringt Wunder hervor – ihre Konfrontation kann nur Ungeheuer gebĂ€ren. Das ist die Lektion von al-Andalus; sie ist bis heute folgenlos geblieben, in Spanien und ĂŒberall sonst, zum Schaden der Menschheit.»
 
Einen Mythos erkennt man nicht in erster Linie am gehobenen, hymnischen Ton, sondern vor allem an der HartnĂ€ckigkeit, mit der er RealitĂ€t und Zeit widersteht. So ignorieren die maurophilen VerklĂ€rungen und die damit einhergehenden Verdammungen der christlichen Intoleranz systematisch, dass sich die arabische Dominanz in Spanien einer kriegerischen Invasion und gewaltsamen Herrschaftssicherung verdankte. Nach einem Verrat des byzantinischen Exarchen von Ceuta hatte im Jahre 711 ein arabisches Heer unter FĂŒhrung des Berberkommandanten Tarik nach Gibraltar (Dschabal al-Tarik, der Felsen des Tarik) ĂŒbergesetzt und kontrollierte kurze Zeit darauf grosse Teile Spaniens. Es war der westlichste Teil des islamischen Imperiums, das sich von Lissabon bis an den Indus erstreckte. Nur hundert Jahre hatten die Nachfolger des 632 gestorbenen Glaubensstifters Mohammed gebraucht, um das gewaltige Gebiet zu erobern.
 
Von al-Andalus aus lancierten arabische Truppen und Banden regelmĂ€ssige Razzien (al-ghazw, arab. der Raubzug) bis tief ins Hinterland der christlichen Barbaren. Sie plĂŒnderten sich wiederholt durch das Rhonetal, terrorisierten SĂŒdfrankreich, besetzten Arles, Avignon, NĂźmes, Narbonne, welches sie 793 in Brand setzten, verwĂŒsteten 981 Zamora und deportierten 4000 Gefangene. Vier Jahre darauf brannten sie Barcelona nieder, töteten oder versklavten sĂ€mtliche Bewohner, verwĂŒsteten 987 das portugiesische Coimbra, welches daraufhin sieben Jahre lang unbewohnt blieb, zerstörten LeĂłn mitsamt Umgebung. Verantwortlich fĂŒr letztere Operationen war der Amiriden-Herrscher al-Mansur, «der Siegreiche» (981–1002), bekannt geworden dafĂŒr, dass er alle philosophischen BĂŒcher, deren er habhaft werden konnte, verbrannte, und der wĂ€hrend seiner Regentschaft rund fĂŒnfzig FeldzĂŒge anfĂŒhrte – regelmĂ€ssig einen im FrĂŒhling und einen im Herbst. Sein berĂŒhmtester wurde jener von 997 gegen die heilige Pilgerstadt Santiago de Compostela. Nachdem er sie dem Erdboden gleichgemacht hatte, traten ein paar tausend christliche Überlebende den Marsch in die Sklaverei an. Mit sich schleppten sie die Glocken von Compostela ins tausend Kilometer entfernte CĂłrdoba, wo diese zu Lampen fĂŒr die Moschee umgeschmolzen wurden. (Ein Vierteljahrtausend spĂ€ter eroberten die Kastilier CĂłrdoba zurĂŒck, und die wiederhergestellten Glocken wurden nach Compostela zurĂŒckgebracht, auf den RĂŒcken von muslimischen Gefangenen.) Die nordafrikanischen Berberdynastien der Almoraviden und Almohaden, die im 11. und 12. Jahrhundert die Macht in al-Andalus an sich rissen, setzten die Praxis der rĂ€uberischen Raids fort.
 
WĂ€hrend der ganzen Epoche kreuzten auch islamische Seefahrer und Piraten an den KĂŒsten SĂŒdfrankreichs, Italiens, Sardiniens, Siziliens, Griechenlands auf. Ihre verheerenden ÜberfĂ€lle hatten die Entvölkerung ganzer Landstriche zur Folge, wie viele zeitgenössische Berichte dokumentieren. Kreta, ĂŒberliefert eine Chronik, wurde 827 wĂ€hrend zwölf Tagen geplĂŒndert, und die Einwohner von 29 StĂ€dten wurden in die Sklaverei getrieben. Eine andere Chronik erzĂ€hlt vom Fall von Syrakus nach neunmonatiger Belagerung im Jahre 878: «Tausende Menschen wurden umgebracht, und es fiel dort Beute an wie niemals zuvor in einer anderen Stadt. Einige wenige konnten entkommen.»
 
Die Truppen der Emire und Kalifen bestanden zum Teil aus grossen Kontingenten von Nichtmuslimen. Die RaubzĂŒge stellten – neben dem AuffĂŒllen der Herrscherkasse – den Nachschub an Kampfsklaven sicher, aber ebenso denjenigen an Feldsklaven oder frischen Haremsgespielinnen. Und sie hatten noch einen weiteren Zweck, wie der Historiker al-Maqqari aus dem nordafrikanischen Tlemcen im 17. Jahrhundert erklĂ€rte. Der Terror, schrieb er, welchen die arabischen Reiter und Seeleute verbreiteten, habe die spĂ€tere Eroberung erleichtert: «Allah, auf diese Weise wurde eine solche Angst unter den UnglĂ€ubigen gesĂ€t, dass sie es nicht wagten, sich zu rĂŒhren und gegen die Eroberer zu kĂ€mpfen; nur als Bittsteller nĂ€herten sie sich diesen und flehten um Frieden.»
 
Rohe BrutalitĂ€t, Versklavung, Brandschatzung waren die Praxis aller Armeen der damaligen Zeit. Aber die «Masslosigkeit, die RegelmĂ€ssigkeit und der systematische Charakter der VerwĂŒstungen», urteilt die britisch-Ă€gyptische Historikerin Bat Ye’or, unterscheide die islamo-arabische Expansion von kriegerischen Unternehmungen der damaligen griechischen, slawischen, lateinischen Heere, und mache sie zur «vielleicht grössten PlĂŒnderungsaktion der Geschichte».
 
Die muslimischen Kombattanten waren getragen von der Idee des Dschihad, des heiligen Krieges, eines bis heute zentralen Begriffs im Islam. Ihr Glaube unterteilte die Welt in das Dar al-Islam (Haus des Islam), in dem das Gesetz Allahs herrscht, und in das Dar al-Harb (Haus des Krieges), Wohnsitz der UnglĂ€ubigen, das heisst aller Nichtmuslime. Das Ziel des Dschihad ist es, die Völker der Erde unter das Gesetz Allahs, unter die Scharia zu bringen. Solange noch Harbi, UnglĂ€ubige existierten, konnte es fĂŒr die Muslime, fĂŒr «die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist» (Koran, Sure 3:110), höchstens vorĂŒbergehende Waffenruhe, aber keinen Frieden geben. «Der Dschihad ist eine heilige Aufgabe», schrieb im 14. Jahrhundert Ibn Khaldun, Politiker, Soziologe und Abkömmling einer adligen Araberfamilie aus al-Andalus, «wegen der UniversalitĂ€t der islamischen Mission und der Verpflichtung, jedermann zum Islam zu bekehren, sei es durch Überzeugung oder durch Gewalt.» Und: «Der Islam hat den Auftrag, Macht ĂŒber die anderen Nationen zu gewinnen.»
 
Tribut oder Tod
 
Um das Jahr 610 war dem damals 40-jĂ€hrigen, bescheidenen Kaufmann Mohammed aus Mekka zum ersten Mal der Erzengel Gabriel erschienen. Und als er 22 Jahre spĂ€ter starb, war er der mĂ€chtigste Mann Arabiens. Mohammed hatte die meisten StĂ€mme der Halbinsel unter dem von ihm gestifteten Islam vereint. Als charismatischer HeerfĂŒhrer hatte er Karawanen ĂŒberfallen und Oasen geplĂŒndert und als Richter ĂŒber Tod oder Leben der Gefangenen und die Verteilung der Beute verfĂŒgt. Er hatte zwei der drei jĂŒdischen StĂ€mme von Medina, die sich nicht bekehren liessen, ausgeraubt und aus der Stadt vertrieben. Als finsterer orientalischer Leviathan hatte er die Ausrottung aller MĂ€nner des dritten, des Stammes der Banu Quraiza, angeordnet und deren Frauen und Kinder versklavt. Und als Prophet konnte er fĂŒr jede seiner Entscheidungen göttliche Offenbarung geltend machen.
 
«In der Nacht wurden quer ĂŒber den Marktplatz der Stadt GrĂ€ben ausgehoben, gross genug, um die Leichen der MĂ€nner [des Stammes der Banu Quraiza] aufzunehmen. Am Morgen befahl Mohammed, der selber zu den Zuschauern der Tragödie gehörte, dass die mĂ€nnlichen Gefangenen in Gruppen von jeweils fĂŒnf oder sechs herbeigefĂŒhrt werden sollten. Jede Gruppe hiess man dann in einer Reihe am Rande des Grabens niedersitzen, der bestimmt war, ihr Grab zu werden; dort wurden sie enthauptet und die Leichen hinabgestossen. Die SchlĂ€chterei, die am Morgen begonnen hatte, dauerte den ganzen Tag und wurde bei Fackelschein bis in den Abend fortgesetzt. Nachdem er so den Marktplatz mit dem Blut von sieben- oder achthundert Opfern getrĂ€nkt und den Befehl erteilt hatte, die Erde ĂŒber den Leichen zu glĂ€tten, liess Mohammed das furchtbare Schauspiel hinter sich, um bei den Reizen Rihanas Trost zu finden, deren Ehemann und mĂ€nnliche Verwandte alle gerade in dem Massaker umgekommen waren.» (Sir William Muir, «The Life of Mohammed», in: Ibn Warraq, «Warum ich kein Muslim bin».)
 
Ausgehend vom exemplarischen Leben Mohammeds, wie es im Koran und im Hadith, den Überlieferungen seiner Worte und Taten, festgeschrieben stand, entwickelten Generationen von muslimischen Rechtsgelehrten eine Dogmatik des heiligen Krieges. Eine der folgenreichsten VerkĂŒndungen Mohammeds lautete: «KĂ€mpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den JĂŒngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben [Juden und Christen] –, bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten» (Sure 9:29). Sie sanktionierte nicht nur die Pflicht zum Dschihad, sie eröffnete auch die Möglichkeit, den besiegten Feinden eine Art Vertrag, Dhimma, zu gewĂ€hren, der sie in den Status von Tributpflichtigen, Dhimmi, versetzte. Gegen das Entrichten einer Kopf- und Landsteuer erkaufte sich der unterworfene UnglĂ€ubige das Recht auf Leben, Besitz, AusĂŒbung seiner Religion – als Angehöriger des Dar al-Harb, des aussermuslimischen Kriegsgebietes, hatte er das nicht gehabt.
 
In allen islamisierten LĂ€ndern, auch in al-Andalus, kam die Einrichtung der Dhimma zur Anwendung. Obwohl sie weniger ein Vertrag als ein erpresserisches Arrangement war – Tribut oder Tod –, ĂŒbte sie eine zivilisierende Wirkung aus. Der Dschihad war aus der Tradition der Beuteökonomie rĂ€uberischer Wanderbeduinen hervorgegangen, die auch die Kerntruppen der grossislamischen Okkupationen bildeten. Die Idee nun einer verbindlichen Übereinkunft mit den Unterworfenen, eines auf sakraler Grundlage vereinbarten Verzichts auf ĂŒbliche PlĂŒnderung, Massaker, Versklavung, mĂ€ssigte die Grausamkeit der Beduinen, «zĂŒgelte die Barbarei des Krieges» (Bat Ye’or). Und sie machte den Dschihad effizienter.
 
Die modernen Liebhaber des maurischen Spanien erblicken, mit erstaunlicher Logik, in der Dhimma einen schlagenden Beweis fĂŒr al-Andalus’ Toleranz. «Die neue islamische Politik», schreibt beispielsweise die Yale-Professorin MarĂ­a Rosa Menocal in ihrem Buch «The Ornament of the World», «hat nicht nur das Überleben der Christen und Juden ermöglicht, sondern sie gemĂ€ss koranischem Auftrag im Grossen und Ganzen beschĂŒtzt.» Doch der «Schutzvertrag» verdankte sich keiner grossherzigen ökumenischen Inspiration, keinem «pankonfessionellen Humanismus», wie ein amerikanischer Journalist neulich trĂ€umte. Er gehorchte dem weltlichen Prinzip der Utilitas, der pragmatisch-schlauen NĂŒtzlichkeit.
 
Der Schutzvertrag wird auch Pakt Umars genannt, nach Umar (634–644), dem zweiten Kalifen, der seine AnhĂ€nger aufforderte, die Dhimmi zu schĂŒtzen, weil es der Wille des Propheten sei und weil «sie fĂŒr den Lebensunterhalt eurer Familien sorgen». Und einer der GefĂ€hrten des Propheten wurde gefragt, so die Überlieferung, wozu die Tributpflichtigen fĂŒr die Muslime gut seien. «Sie helfen dir», so die Antwort, «deiner Armut zu entkommen, um dich mit dem Reichtum zu versorgen, ĂŒber den du verfĂŒgst.» Das System des Tributs, geleistet in Form von Geld, Naturalien oder Arbeit, wurde denn auch «die erste (und wichtigste) Quelle» (Bat Ye’or) des wirtschaftlichen Wohlergehens der Umma, der islamischen Gemeinschaft.
 
Nur schon die demografische RealitĂ€t zwang die Muslime zu einer BĂŒrokratisierung und Verrechtlichung der Mittelbeschaffung. Sie standen als fremde Eroberer wĂ€hrend langer Zeit einer riesigen Mehrheit Einheimischer christlichen und jĂŒdischen Glaubens gegenĂŒber. Der machtsichernde Transfer von Ressourcen und Wissen wurde gewĂ€hrleistet, indem der Kalif die Vorsteher der Dhimmi-Gemeinden, die Rabbiner und Bischöfe mit hohen Positionen in Wirtschaft und Verwaltung betraute. Als BefehlsempfĂ€nger und privilegierte Nutzniesser der islamischen Macht waren diese bereit, die eigenen Leute auch dann noch auszupressen, wenn die Tributforderungen lĂ€ngst das ertrĂ€gliche Mass ĂŒberschritten hatten.
 
Gleichzeitig sorgte ein theologisches, politisches und alltĂ€gliches Regelwerk fĂŒr die permanente Erniedrigung und «rituelle DemĂŒtigung» (Bernard Lewis) der nichtmuslimischen Bevölkerung. Der hochgeachtete Gelehrte Ibn Abdun beispielsweise, Vertreter der malikitischen Rechtsschule, die sich in al-Andalus durchgesetzt hatte, verfasste um 1100 in Sevilla ein lĂ€ngeres juristisches Gutachten. Darin heisst es unter anderem:
 
«Ein Muslim darf einen Juden nicht massieren, auch nicht einen Christen. Er darf nicht ihren Abfall beseitigen und nicht ihre Latrine reinigen; es ist angemessener, dass Juden und Christen dieses Gewerbe ausĂŒben, denn es ist das Gewerbe der am meisten Verachteten» (Nr. 153).
 
«Man darf nicht zulassen, dass ein Steuereintreiber, Polizist, Jude oder Christ, sich wie ein Notabler, ein Jurist oder ein Reicher kleidet, sondern man muss sie hassen, den Verkehr mit ihnen meiden und darf sie nicht mit â€čDer Friede sei mit dirâ€ș grĂŒssen, denn â€čder Satan hat von ihnen Besitz ergriffen und sie das Gedenken Allahs vergessen lassen. Sie gehören zur Partei des Satans. Wahrlich, die zur Partei Satans gehören, werden ja (letzten Endes) den Schaden habenâ€ș (Sure 58:19). Sie mĂŒssen ein Abzeichen tragen, an dem man sie erkennt, das ihnen zur Schande gereicht» (Nr. 169).
 
«Man darf dem Juden und auch dem Christen kein wissenschaftliches Buch verkaufen, es sei denn, der Verfasser bekenne sich zu ihrer Religion, denn sie ĂŒbersetzen wissenschaftliche BĂŒcher und schreiben sie ihren AnhĂ€ngern und Bischöfen zu, wĂ€hrend ihre Verfasser Bischöfe sind» (Nr. 206).
 
Die religiöse «Apartheid» setzte sich in einer scharfen sozialen Schichtung fort. An der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie al-Andalus’ stand das Herrenvolk der arabischen StammesverbĂ€nde. Aufgebrochen aus den unwirtlichsten Gegenden der Welt, hatten sie sich der fruchtbaren FlusstĂ€ler Spaniens bemĂ€chtigt. In steter RivalitĂ€t untereinander um die lukrativsten Positionen im neuen Reich, waren sie sich einig in der Verachtung der nordafrikanischen Berber. Diese, von den Arabern zwangsislamisiert und ihnen als Klienten unterstellt, mussten mit den trockenen Berg- und Steppengebieten vorlieb nehmen und schauten ihrerseits herab auf die Muwallad, auf die zum Islam konvertierten Einheimischen. Die Herablassung aller wiederum traf die UnglĂ€ubigen, die in den StĂ€dten in Gettos lebten, deren Zeugnis vor Gericht nichts galt, denen es verboten war, auf einem edlen Tier wie dem Pferd zu reiten oder sexuelle Beziehungen zu muslimischen Frauen zu haben und diese zu heiraten, und die in der stĂ€ndigen Furcht leben mussten, wegen GotteslĂ€sterung angeschwĂ€rzt und zum Tode verurteilt zu werden. Sozial tiefer standen nur noch die Sklaven.
 
Ein kurze Periode einmaliger und relativer interreligiöser Duldsamkeit erlebte al-Andalus in der zweiten HĂ€lfte des 10. Jahrhunderts unter Abdurrahman III. (912–961), dem Kalifen von CĂłrdoba, und seinem bibliophilen Nachfolger al-Hakam II. (961–976), der eine Bibliothek mit 400000 BĂ€nden angelegt haben soll. Nach Konstantinopel und Bagdad galt die Stadt als wichtigstes politisches und kulturelles Zentrum der damaligen Welt. Mit Skrupellosigkeit hatte Abdurrahman das in Teilreiche zerfallene Land wieder vereinigt und mit Umsicht organisiert. Der wirtschaftliche Aufschwung – nicht zuletzt bewirkt durch die Friedfertigkeit der christlichen FĂŒrstentĂŒmer, welche die Heereskosten senkte, und durch eine aussergewöhnliche Serie ertragreicher Ernten – nahm etwas Druck von den Dhimmi weg, ermöglichte eine beispiellos verschwenderische HoffĂŒhrung und lockte grosse europĂ€ische Gesandtschaften und die Spitzen der internationalen Intelligenz und Kunst nach CĂłrdoba. Luxus und WeltlĂ€ufigkeit erzeugten eine «ScheinblĂŒte multikultureller Toleranz», wie der Orientalist Hans-Peter Raddatz schreibt, «deren Bestand weniger vom Geist des Islam, sondern von seiner FĂ€higkeit abhing, den Strom der Tribute aufrechtzuerhalten».
 
Abdurrahman war der erste der Herrscher von al-Andalus, der einen Juden, den Arzt Chasdai Ben Schaprut, in hohe Staatsdienste aufnahm. Dieser wird als einer der fĂ€higsten MĂ€nner seiner Zeit geschildert. Noch weitere Juden sollten in höchste Positionen gelangen, so Samuel Ibn Nagrella, der vom Berberkönig Habus von Granada zum Wesir, zum Minister und Hauptberater, ernannt wurde. Samuel Ibn Nagrella war Gelehrter, HeerfĂŒhrer, schrieb Kriegsepen, Lyrik und 22 Werke ĂŒber hebrĂ€ische Grammatik und sprach sieben Sprachen. Der bedeutendste Historiker al-Andalus’, Ibn Hayyan, schrieb ĂŒber seinen Zeitgenossen: «Dieser Mann, der verdammt ist, weil Gott ihn nicht die wahre Religion hatte kennen lassen, war ein ĂŒberlegener Mensch. Er besass ausgedehnte Kenntnisse und duldete mit Langmut unwĂŒrdige Behandlung.»
 
Juden in hohen Stellungen galten als etwas verlĂ€sslicher als Christen, welche unter latentem Verdacht standen, verrĂ€terische ParteigĂ€nger der feindlichen Christenstaaten zu sein. Und gegenĂŒber muslimischen WĂŒrdentrĂ€gern hatten sie den Vorteil, dass sie dem Kalifen oder Sultan nie bedrohlich werden konnten. Sie hatten keine tribalen oder familiĂ€ren Verbindungen zum Hof, konnten als UnglĂ€ubige nie hoffen, selber die Macht zu erlangen, und verdankten ihre durch die Scharia verbotene Stellung einzig dem willkĂŒrlichen Entscheid ihres Herrschers – was eine starke LoyalitĂ€t schuf.
 
Nachdem Samuel Ibn Nagrella 1056 unter ungeklĂ€rten UmstĂ€nden ums Leben gekommen war, ĂŒbernahm sein Sohn Josef, ebenfalls ein begabter Gelehrter, seine Ämter. 1066 kam es zu einem antijĂŒdischen Pogrom. Die mehreren tausend Mitglieder der jĂŒdischen Gemeinde von Granada wurden erschlagen, mit ihnen auch der jĂŒdische Wesir. Pamphlete und Gedichte wie dasjenige des frommen Rechtsgelehrten Abu Ishaq hatten die Stimmung vorbereitet: «Diese Juden, die frĂŒher auf den Abfallhaufen einen Fetzen buntes Tuch suchten, um ihre Toten zu begraben, […] haben nun Granada unter sich aufgeteilt […]. Sie ziehen Tribute ein und kleiden sich hochelegant […], und der Affe Josef hat sein Haus mit Marmor ausgelegt […]. Eilt, um ihm die Kehle durchzuschneiden; er ist ein feister Hammel, nehmt ihm sein Geld weg, denn ihr verdient es eher als er!»
 
In unertrÀglicher Weise entehrt
 
Der berĂŒhmteste Jude des maurischen Spanien, der grosse Philosoph und Arzt Maimonides, verfasste sein Werk in Kairo im Exil. Als er 1149 als VierzehnjĂ€hriger mit seiner Familie vor den Judenverfolgungen aus CĂłrdoba floh, existierten bereits kaum mehr christliche oder jĂŒdische Gemeinden in al-Andalus. SpĂ€ter schrieb er in einem oft zitierten Brief an die Juden des Jemen, die von den dortigen Pogromen berichtet hatten: «Bedenkt, meine Glaubensgenossen, dass Gott uns unserer grossen SĂŒndenlast wegen mitten unter dieses Volk, die Araber, geschleudert hat […]. Nie hat uns ein Volk so beschwert, erniedrigt, gedemĂŒtigt und gehasst wie sie […], wir wurden von ihnen in unertrĂ€glicher Weise entehrt.»
 
Al-Andalus hat ein reiches lyrisches VermĂ€chtnis hinterlassen. In arabischer und hebrĂ€ischer Sprache wird die Natur besungen, der Weingenuss, die Liebe zu JĂŒnglingen, die VergĂ€nglichkeit des Lebens. Die Raffinesse, die Schönheit, die FrivolitĂ€t der Gedichte zeugen von der geistigen Freiheit und Libertinage einer schmalen stĂ€dtischen und höfischen Elite, welche sich von den starren Vorschriften einer strengen Gotteslehre weit entfernt hat. AuffĂ€llig ist aber auch der hohe Anteil an Lobpreisungs- und Schmeichelpoesie: Fast alle Dichter haben viele Hymnen an die MĂ€chtigen verfasst. Dies verweist auf ein anderes Merkmal ihrer Lebensweise. Nicht nur die Hofjuden, sondern auch Dichter und Gelehrte, die Wissenschaft und die Kunst generell waren Teil eines orientalischen Klientelsystems.
 
Der HerrschermĂ€zen erteilte den Auftrag, und er hatte die Macht, den KĂŒnstler in den Kerker zu werfen, wenn ihm das Resultat nicht gefiel. Nur er konnte ihn vor den Nachstellungen einer fanatischen Theologie schĂŒtzen oder vor der Rachsucht eines anderen MĂ€zens. WofĂŒr er sich entschied, hing ab von seiner Laune oder seiner momentanen Interessenlage. Der KĂŒnstler oder Gelehrte war seinem Herrn auf Leben und Tod ausgeliefert, und er hatte allen Grund, diesen bei guter Stimmung zu halten.
 
Noch prekĂ€rer wurde der Status des Gelehrten durch die instabilen politischen VerhĂ€ltnisse. Die Epoche von al-Andalus war geprĂ€gt von AufstĂ€nden, Semi-Anarchie, BĂŒrgerkrieg, Vagantentum, ThronkĂ€mpfen, Eroberungen und RĂŒckeroberungen. Zeiten der Ruhe waren selten. Der schĂŒtzende MĂ€zen konnte plötzlich weg sein, ermordet vom Bruder, verjagt vom Konkurrenten eines anderen Stammes. Die Biografien vieler maurischer Gelehrter widerspiegeln diese Situation. Sie erzĂ€hlen von Flucht, Neuanfang, Verbannung, von Verstellung, List und Hintersinn. Wie diejenige des grossen Gelehrten AverroĂ«s (1126–1198), dem die neuzeitliche europĂ€ische Philosophie so viel verdankt.
 
Von seiner Audienz beim Almohaden-Sultan Jusuf I. berichtete AverroĂ«s: «Nachdem der Herrscher der GlĂ€ubigen mich nach meinem Namen gefragt hatte, ebenso nach meiner Herkunft, begann er das GesprĂ€ch mit den Worten: â€čWas denken sie (das sind die Philosophen) ĂŒber den Himmel und die Welt? Betrachten sie sie als ewig oder als geschaffen?â€ș Es ĂŒberkam mich eine Mischung von Scham und Angst. Ich versuchte mich zu rechtfertigen, indem ich sagte, ich befasse mich nicht mit Philosophie […]. Der Herrscher der GlĂ€ubigen bemerkte meine Verwirrung. Er wandte sich an Ibn Tufail [Philosoph und Freund des AverroĂ«s] und begann mit ihm ĂŒber das Problem zu disputieren, das er mir vorgetragen hatte. Er erinnerte an das, was Aristoteles, Platon und die anderen Philosophen darĂŒber gelehrt hatten […]. Auf diese Weise fand ich zu meiner Gelassenheit zurĂŒck, so dass ich am Ende das Wort ergriff und er erfahren konnte, was ich darĂŒber dachte. Als ich mich verabschiedete, gebot er, mir als Geschenk Geld, ein kostbares Ehrenkleid und ein Reitpferd zu ĂŒberreichen.»
 
AverroĂ«s wurde Leibarzt des Sultans und kommentierte in dessen Auftrag die Werke des Aristoteles. Als der Sultan starb, erliess sein Nachfolger Sultan Jakub «al-Mansur» 1195 ein Dekret, in dem die Philosophie und die «griechischen» Wissenschaften verurteilt wurden. Die BĂŒcher AverroĂ«s’ wurden ins Feuer geworfen, der Philosoph vor der Moschee von CĂłrdoba an den Pranger gestellt und anschliessend fĂŒr drei Jahre verbannt. Kurz nach seiner Freilassung starb er.
 
Al-Andalus ist nicht nur fĂŒr die maurophilen BildungsbĂŒrger ein mythisches Wunschland. In einer der Wohnungen der islamistischen AttentĂ€ter, die am 11. MĂ€rz 2004 in Madrider ZĂŒgen 191 Leute getötet und Hunderte verletzt hatten, fand die Polizei ein Bekennervideo. Die Terrorislamisten rechtfertigten darauf ihren Anschlag mit dem Verweis auf al-Andalus, das Land, das einst zum Dar al-Islam gehörte.
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Eine Antwort zu 29. Mai 1453 – Eroberung von Konstantinopel

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